Drehmomentschlüssel – Basiswissen und Anwendung

Drehmomentschlüssel sorgen für Sicherheit, schonen Schrauben, Muttern und Gewinde am Motorrad.

Basiswissen und Anwendung

Wer an seinem Motorrad schrauben will, kommt um das Thema Drehmomentschlüssel nicht herum. Denn viele Schraubverbindungen an der Maschine müssen mit genau definierter Kraft angezogen werden. Zuviel Kraft könnte die Schraube abreißen oder das Gewinde zerstören. Zu wenig Kraft würde z. B. bei Achsmuttern oder Bremssattelbolzen ein übles Sicherheitsrisiko bedeuten.

Der Drehmomentschlüssel gewährleistet – bei korrekter Anwendung – das exakte Anzugsdrehmoment und damit die optimale Klemmkraft zwischen Schraube und Gewinde.

Berechnung des Anzugdrehmoments

Berechnung des Anzugdrehmoments

Berechnung des Anzugdrehmoments

Übrigens: Das Anzugsdrehmoment (M) errechnet sich aus dem Radius des Hebelwegs (r) mal der ausgeübten Kraft (F).

Für anwendungsbezogene Schraubverbindungen in Fahrzeugen geben die Hersteller besondere Anzugsmomente an, deren genaue Werte im Werkstatthandbuch oder in der Bedienungsanleitung vom Motorrad nachgelesen werden können. Das sind z. B. Achsmuttern, Ölablassschraube, Bremssattelbolzen, Bolzen an der Gabelbrücke, Zylinderkopfschrauben und diverse Motorschrauben. Das Überschreiten dieser Angaben kann Verformungen am Bauteil, dessen Verspannen, das Verziehen z. B. einer Dichtfläche, das Ausreißen eines Gewindes oder das Abreißen des Bolzens zur Folge haben.

Darüber hinaus existieren zu Normschrauben je nach Gewindedurchmesser, Gewindesteigung, Material und Güteklasse allgemeingütige Norm-Anzugsmomente. An denen kann man sich orientieren, wenn es zu einer Schraubverbindung keine sonstigen Vorgaben gibt. Solche Werte findet man z. B. im Internet, im Fachkunde- oder Tabellenbuch für Metall- oder Kraftfahrzeug-Technik und auszugsweise in unserem Schraubertipp Schrauben Basiswissen.


Die 5 Todsünden im Umgang mit Drehmomentschlüsseln

  • NICHT: Den Drehmomentschlüssel nach der Arbeit auf dem eingestellten Wert lassen, sonst leiert die Feder aus.
  • NICHT: Den Drehmomentschlüssel über die Skalen-Werte hinaus drehen, die Feder leiert sonst aus
  • NICHT: Kreuzgelenke oder Verlängerungen zwischen setzen, das verfälscht das Auslösemoment.
  • NICHT: Den Drehmomentschlüssel zerlegen, das verfälscht die kalibrierten Werte.
  • NICHT: Den Drehmomentschlüssel zum Lösen festsitzender Schrauben benutzen, das führt zu Beschädigungen. Die kalibrierten Werte könnten sich ändern.

Drehmomentschlüssel-Typen

Drehmomentschlüssel arbeiten nach verschiedenen Funktionsprinzipien. Man unterscheidet vor allem „anzeigende“ und „auslösende“ Drehmomentschlüssel.

Anzeigender Drehmomentschlüssel

Anzeigender Drehmomentschlüssel.

Anzeigender Drehmomentschlüssel

Die einfachste und meist günstigste Form basiert auf einem Drehstab, dessen Verdrehung gegenüber einem Feststab den Wert auf einer Skala oder Messuhr anzeigt. Man muss beim Drehen des Schlüssels den Zeigerwert genau beobachten und sofort stoppen, wenn der Sollwert erreicht ist.

Auslösender Drehmomentschlüssel

Auslösender Drehmomentschlüssel.

Auslösende Drehmomentschlüssel

Bei diesen Drehmomentschlüsseln muss vor Beginn der Anwendung der Sollwert eingestellt werden. Beim Erreichen des Sollwerts wird ein Signal ausgelöst. Es gibt hörbare bzw. fühlbare Signale („Knack“-Schlüssel). Das Signal kann aber auch ein Durchrutschen („Slipper“) oder Einknicken („Knick“-Schlüssel) sein oder in einer Anzeige dargestellt werden.

Die gebräuchlichsten Drehmomentschlüssel sind „Knack“-Schlüssel, daher beschreiben wir im Folgenden genau diesen Schlüsseltyp und seinen Einsatz.


Die richtige Schlüsselgröße

Drehmomentschlüssel gibt es in unterschiedlichen Größen für unterschiedliche Anzugsmomentbereiche. Am Motorrad liegen die meisten Anzugsmomentwerte zwischen 3 Nm und 200 Nm. Diesen großen Bereich deckt aber kein Drehmomentschlüssel komplett ab. Daher werden je nach Anwendungsbereich verschieden große Schlüssel benötigt. Eine Hilfe bei der Auswahl kann die Bedienungsanleitung deines Motorrads sein. Dort finden sich meist Tabellen mit den vorgeschriebenen Anzugsmomenten.

Praxistipp*

Bei einem großen Schlüssel z. B. von 20–110 Nm ist das Auslösen im unteren Skalenbereich, also bei 20–30 Nm, nur leicht spürbar, was eine gewisse Konzentration verlangt. Wer Fehler ausschließen möchte, sollte lieber den nächst kleineren Schlüssel (z. B. 6–30 Nm) einsetzen, da hier das Auslösesignal deutlicher spürbar ist.

Anwendung

Das Arbeiten mit dem Drehmomentschlüssel erfordert Sorgfalt und ein wenig Übung und Gewöhnung. Halte dich am besten an die folgenden Tipps. Diese Anleitung bezieht sich auf „Knack“-Schlüssel.

*Übrigens: Das Louis Sortiment an Drehmomentschlüsseln reicht genau von 3–210 Nm.


Drehmomentschlüssel einstellen – so geht’s

Step 1 a – So sind 40 Nm eingestellt.

Step 1, Abb. 1: So sind 40 Nm eingestellt.

 01 – Sollwert am Drehmomentschlüssel einstellen

Zunächst suchst du das Anzugsmoment für die anzuziehende Schraube aus dem Werkstatthandbuch oder der Bedienungsanleitung heraus. Dann arretierst du die Sicherung am Ende des Griffs. Durch Verdrehen des Griffes kann jetzt der Wert wie folgt eingestellt werden.

Erstes Beispiel: Eine Schraube soll mit 40 Nm angezogen werden. Dazu den Drehgriff so weit drehen, dass die Bezugskante in Höhe der Null-Stellung genau mit dem Strich der 40 auf der Skala fluchtet.

Step 1 b – So sind 44 Nm eingestellt.

Step 1, Abb. 2: So sind 44 Nm eingestellt.

Zweites Beispiel: Eine Schraube soll mit 44 Nm angezogen werden. Dazu wieder den Drehgriff so weit drehen, dass die Bezugskante in Höhe der Null-Stellung genau mit dem Strich der 40 auf der Skala fluchtet. Nun den Griff weiterdrehen, bis die Stellung 4 auf dem Drehgriff mit der Vertikallinie der Skala fluchtet.

Zum Schluss schiebst du die Sicherung am Ende des Griffes zurück in die Arretierungsposition. Der Drehmomentschlüssel ist nun einsatzbereit.


Step 2 – Langsam und stetig ziehen bis zum Auslösesignal.

Step 2: Langsam und stetig ziehen bis zum Auslösesignal.

 02 – Schraubverbindung festziehen

Nun kann die vorher von Hand leicht angezogene Schraubverbindung mit dem Drehmomentschlüssel festgezogen werden. Dazu setzt du den Drehmomentschlüssel mit passendem Aufsatz (Steckschlüsselnuss oder Bitaufsatz) auf die Schraube und ziehst mit ruhig-kontinuierlicher Kraft am Griff des Hebelarms.

Das Erreichen des eingestellten Anzugsmoments wird durch einen fühlbaren kleinen Ruck mit gleichzeitigem „Knack“-Geräusch signalisiert. Achte genau auf dieses Auslösen des Schlüssels! Danach keinesfalls weiterziehen, sonst überschreitest du das eingestellte Anzugsmoment. 

Hinweis: Du musst also den Krafteinsatz nach dem Signal selbst beenden, der Schlüssel tut es nicht von sich aus! 

Wenn du den Eindruck gewinnst, dass eine Schraube beim Festziehen dem Anzugsmoment nicht standhält, sich „weich“ anfühlt o. ä., höre sofort auf, diese weiter anzuziehen. Vermutlich ist das Gewinde defekt oder der Schraubenwerkstoff einfach zu weich. Überprüfe die Komponenten, bevor das Gewinde abreißt und die Schraube ggf. nur noch schwer zu demontieren ist.

An Bauteilen mit mehreren parallelen Schraubverbindungen, z. B. an Zylinderköpfen, werden die Schrauben stufenweise angezogen: zunächst alle mit einem geringen, dann einem mittleren Anzugsmoment und erst im dritten Schritt mit dem endgültigen Wert. So kann sich das festzuziehende Werkstück gleichmäßig setzen und verzieht sich nicht oder bricht nicht.

Dabei ist außerdem zu beachten, dass manche Bauteile mit mehreren Schraubverbindungen in einer bestimmten Abfolge, z. B. über Kreuz oder von innen nach außen angezogen werden müssen. In diesem Fall bitte immer nach Herstellervorgabe arbeiten.

Hat der Drehmomentschlüssel seine Aufgabe erfüllt, entriegelt man ihn und stellt den Justier-Drehgriff wieder so weit zurück, dass die Kante mit dem geringsten Zahlenwert auf der Skala fluchtet, aber bitte nicht weiter. Nur in dieser Position ist die Feder im Inneren des Drehmomentschlüssels entspannt. Jede Dauerbelastung, egal, ob Zug oder Druck, würde die Feder ausleiern und dauerhaft die Anzeigegenauigkeit verschlechtern. 


Weitere Arbeits- und Pflege-Tipps

  • Vor dem ersten echten Einsatz an deinem Fahrzeug probierst du den Schlüssel zunächst an einem unempfindlichen Objekt aus, um dich mit dem Mechanismus vertraut zu machen. Gewöhne dich an das Auslösesignal bei unterschiedlichen Anzugsmomenten und überzeuge dich von der korrekten Funktion des Werkzeugs.
  • Verzichte beim Arbeiten mit dem Drehmomentschlüssel auf Verlängerungen mit Kreuzgelenk, diese können das Anzugsmoment verfälschen. 
  • Nutze den Drehmomentschlüssel nicht als Hebel zum Lösen von festsitzenden Schraubverbindungen. Er ist kein Lösewerkzeug! Andernfalls können sich die Kalibirerungswerte des Drehmomentschlüssels verstellen.
  • Viele Drehmomentschlüssel sind nicht zum Anziehen von Linksgewindeschrauben geeignet. Bitte überprüfe dies ggf. in der Gebrauchsanweisung.
  • Drehmomentschlüssel reinigt man mit einem Tuch und ggf. etwas Feinöl für die Metallteile. Äußere Metallteile können auch mit einem Korrosionsschutzspray gegen Korrosion geschützt werden. Auf keinen Fall solltest du den Drehmomentschlüssel zum Reinigen zerlegen oder in eine Reinigungslösung tauchen. 
  • Der Hersteller hat die Mechanik des Drehmomentschlüssels ausreichend gefettet. Sollte der Drehmomentschlüssel längere Zeit nicht benutzt worden sein, betätigt man den Drehgriff mehrmalig. Das Schmiermittel verteilt sich dann wieder in der Mechanik.
  • Behandle den Drehmomentschlüssel sorgsam, lasse ihn nicht fallen, bewahre ihn nicht in feuchter Umgebung auf.

Das Louis Technikcenter

Solltest du eine technische Frage zu deinem Motorrad haben, wende dich gerne an unser Technik-Center. Dort hat man Erfahrung, Nachschlagewerke und Adressen ohne Ende.

Bitte beachten!

Bei den Schraubertipps handelt es sich um allgemeine Vorgehensweisen, die nicht für alle Fahrzeuge oder alle einzelnen Bauteile zutreffend sein können. Die jeweiligen Gegebenheiten bei dir vor Ort können unter Umständen erheblich abweichen, daher können wir keine Gewähr für die Richtigkeit der in den Schraubertipps gemachten Angaben übernehmen.

Wir danken für dein Verständnis.


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